Das Kulturfestival der Region
10. bis 24. Oktober 2010

 

Wörter aus Wasser, zu Boden stürzend aus einem computergesteuerten Wasserfall und nur für den Moment lesbar; Tropfen roter Flüssigkeit, die durch ein Gewirr scheinbar ungeordneter Schläuche fließen und sich in Sekunden zu Buchstaben formen und zu Wörtern zusammensetzen; rotierende Maschinenketten, die nach dem binären System Wörter schwarz auf weiß an die Wand schreiben:bit.fall, bit.flow und bit.code – so heißen die drei spektakulären Installationen von Julius Popp, die der gebürtige Nürnberger, soeben mit dem Kunstpreis der Adolf-Luther-Stiftung ausgezeichnet, während des Festivals Fliesstext10 in Ingolstadt, Neuburg und Pfaffenhofen zeigt.Fliesstext10 ist das erste gemeinsame Kulturfestival der Städte Eichstätt, Ingolstadt, Neuburg, Pfaffenhofen und Vohburg im Rahmen des vom Arbeitskreis gemeinsamer Kulturarbeit bayerischer Städte initiierten Festivals LiteraturUpdate. Die Schirmherrschaft für dieses bayernweit einmalige Projekt haben die Oberbürgermeister und Bürgermeister der jeweiligen Städte sowie die Landräte der Landkreise Pfaffenhofen a.d. Ilm und Neuburg-Schrobenhausen übernommen.

Die Idee hinter dem Festival Fliesstext10 ist es, nicht nur ein Literatur-Festival zu sein, in dem die neuen Bücher guter Autoren vorgestellt werden, sondern sich mit einem die Grenzen des Buches überschreitenden oder überfließenden Thema zu befassen: dem Erzählen. Vom 9. bis zum 24. Oktober nun dreht sich in der sogenannten Region 10 im Herzen Bayerns alles um das Thema „Erzählen“. Dabei geht es nicht nur um die im Computerzeitalter entstandene Form des Erzählens á la Julius Popp, der versucht, in seinen Arbeiten „die Unschärfe des Menschseins“ zu untersuchen.Fliesstext10 setzt vielmehr beim „Urknall abendländischer Dichtung“ an, wenn der renommierte Schriftsteller und Komparatist Raoul Schrott aus seiner zeitgemäßen Übertragung von Homers Ilias vorliest, einem der ältesten schriftlich fixierten Werke Europas. Den Spagat zwischen Homer und Popp erklärt Steffen Kopetzky, der künstlerische Leiter des Festivals so: „Das Erzählen an sich ist der eigentliche „Fliesstext“ – jene Bewegung der menschlichen Kultur, die mit den Mythen und Märchen beginnt, die Epen der verschiedenen Weltkulturen ausbildet, zu Roman und Dichtung wird, um sich durch Rundfunk, Film und Fernsehen und schließlich Internet in eine Masse wimmelnder Einzelerzählstimmen aufzuspalten.“Fliesstext10 bezieht sich damit ebenfalls auf das Ineinanderfließen von Gestern und Heute, auf oral tradierte Geschichte, die durch Weitergabe, Gestaltung und Neukontextualisierung mit neuer Bedeutung aufgeladen wird.

In diesem Zusammenhang ist auch das dem Festival vorangegangene Internetprojekt zu verstehen. Alle Bewohner der Region waren ab April 2010 aufgerufen, persönliche Erinnerungen, erlebte und wahre Geschichten aus der Heimat zu erzählen und diese Beiträge in Form von Texten, Filmen, Klangdokumenten und Fotos auf der website www.fliesstext10.de hochzuladen. Knapp 300 Beiträge sind dabei entstanden, die nun von Jurys gesichtet und ausgewertet werden. Die besten 10 Erzählungen und Geschichten jeder Kategorie werden zu einer der fünf Finalveranstaltungen im Rahmen des Festivals eingeladen und vor Publikum vorgestellt. Die drei Ersten werden prämiert und mit attraktiven Preisen bedacht. Für die Jurys konnten wiederum interessante Künstler und Medienschaffende gewonnen werden, darunter Anke Heelemann aus Weimar, die in Vohburg auch noch ihr Projekt „Fachgeschäft für vergessene Privatfotografien“ präsentiert oder der Klangkünstler Kalle Laar, der mit seinem Klangmuseum eine ganz eigene Soundkultur entwickelt hat.

Weitere hochkarätige Künstler, die bei Fliesstext10 auftreten, sind die Schriftsteller Georg Klein, Moritz Rinke, Peter Wawerzinek, Peter Kurzeck, Nora Gomringer, Gert Heidenreich und Judith Schalansky. Dabei spielt das Erzählen über die Heimat und die eigene Geschichte bei allen Literaten eine bedeutende Rolle. So etwa im Debüt Der Mann, der durchs Jahrhundert fiel, in dem der Dramatiker Moritz Rinke (Die Nibelungen) seinen raffinierten Familienroman in der Künstlerkolonie Worpswede ansiedelt, die auch seine Heimat ist. Peter Wawerzinek, soeben für einen Auszug aus seinem autobiografischen Roman Rabenliebe mit dem Ingeborg-Bachmann-Preis gekürt, erzählt darin in einem unvergleichlichen Ton von seiner Kinderheim-Kindheit in der DDR und seiner schmerzhaften Muttersuche. In seiner auf ein knappes Dutzend Bände angelegten autobiographisch-poetischen Chronik Das alte Jahrhundert schildert der diesjährige Robert-Gernhardt-Preisträger Peter Kurzeck unsere Nachkriegsgeschichte und lässt anschaulich nacherleben, wie wir wurden, was wir sind. Judith Schalansky hingegen hat in ihrem traumschönen Buch Der Atlas der abgelegenen Inseln fünfzig vom Festland, von Menschen und Reisekatalogen entlegene Inseln gesammelt - Heimat also, wenn auch nur für wenige Bewohner, umflossen vom Meer, erzählt in Bild und Text: passender könnte ein Beitrag für ein Festival mit dem Namen Fliesstext10 nicht sein. Nora Gomringer, Gewinnerin zahlreicher Poetry-Slams, präsentiert ihre Beobachtungen in einem Sprechkatalog aus Texten und Reisesprachbildern und nennt diese Performance „Lyrik und Larynx“. Als ein Höhepunkt in einem an Höhepunkten nicht armen Festival-Programm darf dann Gert Heidenreichs Interpretation der Legende von Sigurd und Gudrun gelten, des neu entdeckten und soeben veröffentlichten, nachgelassenen Werks vom „Herr der Ringe-Schöpfer“ J.R.R. Tolkien. Heidenreich, als Schauspieler, Schriftsteller und Sprecher bekannt, wird dieses Werk deutschlandweit nur dreimal präsentieren – neben Fliesstext10 noch bei den Literaturfestivals in Berlin und Hamburg. Die literarischen Veranstaltungen und das Festival in Ingolstadt eröffnen wird der in Augsburg geborene Schriftsteller Georg Klein, der dieses Jahr für seinen Roman unserer Kindheit mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet wurde. „Wieviel Heimat braucht der Mensch?“ fragt außerdem die bekannte Pfaffenhofener „Gruppe Lesezeichen“ - auf die Antwort darf man gespannt sein. Rede und Antwort über ihre Liebe zum Bayerischen, seine Eigenheiten und den Reiz bayerischer Sprachkunst stehen drei Bayerische Originale unserer Tage dem Chefredakteur des Donaukurier Michael Schmatloch: Gerhard Meier, der deutsche Übersetzer von Orhan Pamuk, der brillante Linguist Prof. Anthony Rowley, seit Studententagen in Bayern lebender Brite und Monaco Fränzn, prägender Künstler der Münchener Hip-Hop Formation Doppel-D. Die orale Tradition des Erzählens führt dann der Gstanzl-Sänger Erdäpfekraut vor, der sich ein Wortgefecht in Bayerischer Mundart mit seinem Kollegen Pindl bei „Gstanzl unplugged“ liefert. Die modernere Variante der Dichterschlacht gibt es beim Poetry-Slam der Eichstätter Szene um Pauline Füg und Hanz mit den Kombattanten Tobi Kunze, Jan Koch, Mischa-Sarim Verollet u.a. Musikalische Höhepunkte des Festivals Fliesstext10 sind die Auftritte von „Zwakkelmann“, deutsch singender Punkrocker aus Haminkeln in Nordhein-Westfalen und der Biermösl Blosn-Schwestern Moni, Burgi und Bärbi alias die „Wellküren“.

 

Das Projekt steht unter der Schirmherrschaft von Dr. Alfred Lehmann, Oberbürgermeister der Stadt Ingolstadt, Arnulf Neumeyer, Oberbürgermeister der Stadt Eichstätt, Dr. Bernhard Gmehling, Oberbürgermeister der Stadt Neuburg a.d. Donau, Thomas Herker, 1. Bürgermeister der Stadt Pfaffenhofen, Martin Schmid, 1. Bürgermeister der Stadt Vohburg, Anton Westner, amtierender Landrat des Landkreises Pfaffenhofen und Roland Weigert, Landrat des Landkreises Neuburg- Schrobenhausen.


Unterstützt wird das Festival Fliesstext10 von folgenden Förderern und Partnern:


Kulturfonds Bayern, Bezirk Oberbayern, LiteraturStiftung Bayern, Landkreis Pfaffenhofen a.d. Ilm, Landkreis Neuburg-Schrobenhausen, Donaukurier, donaukurier.de, PMK Deutschland Ltd., IZ Regional, Expert, Bayerische Sparkassenstiftung, Kidnetting, BR Bayern2, Stahl Computertechnik.

 

Karten sind in allen Geschäftsstellen des DONAUKURIER und seinen Heimatzeitungen erhältlich. Reservierungshotline: (08 41) 96 66-8 00